Louis Braille

Anwendung seiner Blindenschrift im Großherzogtum Luxemburg

In der Galerie der Wohltäter der Menschheit und in der Geschichte des Blindenunterrichts nimmt LOUIS BRAILLE, der Erfinder der nach ihm benannten Blindenschrift, einen herausragenden Platz ein.

Zwar sind sein Leben und auch sein Werk bereits unzählige Male in geziemender Weise beschrieben worden, doch dürfte 1981, das Jahr der Behinderten, und somit auch der Erblindeten, einen aktuellen Anlass bieten, dieser verdienstvollen Persönlichkeit ein weiteres Mal zu gedenken und sein Werk und Wirken in Rück- und Ausblick zu würdigen.

Historisch gesehen, gehen die Ansätze einer Blindenschrift zurück bis ins I6. Jahrhundert und zwar in die Zeit der Eroberung Perus durch die Spanier. Die dortigen blinden Eingeborenen vermochten anhand von in Tinktur, Länge, Breite und Verknotung abweichenden Schnüren Aufzeichnungen zu deuten. Auch in den beiden nachfolgenden Jahrhunderten waren in Europa pädagogisch geschulte Männer bemüht, praktische Methoden des Lesens und Schreibens für Blinde zu entwickeln und in die Praxis umzusetzen, doch dürfte -ungeachtet mancher polemischer Streitigkeiten und Auseinandersetzungen auf diesem Gebiet – Louis Braille die Anerkennung nicht verwehrt werden, dass er den realen Schöpfer einer beinahe an Perfektion grenzenden Blindenschrift darstellt.
Sein auf ertastbare Punktmarkierung aufgebautes Werk umfasst nicht nur sämtliche orthographischen Buchstaben, sondern auch alle für Arithmetik und Algebra maßgeblichen Ziffern und Kennzeichen. Des weiteren hat Louis Braille die ersten Schritte getan in Richtung einer auch den Blinden zugänglichen Musiknotenschrift.

Das Licht der Welt erblickte Louis Braille am 4.1.1809 in Coupvray, einem Ort in der Nähe von Paris. Dort betrieb sein Vater eine Sattlerwerkstätte. Als der dreijährige Louis eines Tages dort ein dem Schneiden des Leders dienendes Messer handhabte, verletzte er sich damit an einem Auge so schwer, dass dieses gleich und später auch das zweite – wahrscheinlich durch infektiöse Einwirkung – entfernt werden musste.

Die Eltern ließen ihrem blinden Kind, trotz seiner Behinderung und im Gegensatz zu den damaligen Gepflogenheiten, weiterhin eine vorbildliche Erziehung in geistiger und manueller Hinsicht zukommen.

Louis Braille wurde vorerst in der Dorfschule und dann im Alter von 10 Jahren an die „Institution Royale des Jeunes Aveugles“ in Paris geschickt.
Diese Privatschule war 1784 von Valentin Haüy, einem Sprachwissenschaftler, gegründet worden und entwickelte sich im Laufe der Jahre und unter Leitung seines Gründers zu einer auf Universitätsniveau basierenden Bildungsanstalt für Blinde.

Der blinde Louis war ein außerordentlich talentierter Schüler. Sein Wissensdurst, seine Auffassungsgabe und sein reger Geist waren so ausgeprägt, dass er, nach einem kurzen Intermezzo als Repetitor, selbst eine Klasse als Lehrkraft übernehmen konnte. In das Jahr 1825 fallen dann auch Entwicklung und Abschluss seines Lebenswerkes: die Braille-Schrift.
Obschon die Eltern und Geschwister von Louis Braille von bemerkenswert robuster Konstitution waren und ein hohes Alter erreichten, verstarb er bereits mit 43 Jahren am 6.1.1852. Ursache für seinen frühen Tod war Tuberkulose, eine damals unerbittliche Krankheit, die er sich im Laufe der Jahre in den feuchten, ungesunden und unhygienischen Räumen des Pariser Instituts zugezogen hatte.

Bald nach seinem Hinscheiden wurde sein Schriftsystem über die Grenzen Frankreichs hinaus in vielen europäischen und aussereuropäischen Ländern eingeführt. Braille-Bücher und Zeitschriften wurden gedruckt und fanden in den jeweils nationalen Blindenschulen Verwendung als Unterrichtsmaterial. Im Jahr 1929 wurde die von Braille entworfene Notenschrift auf einer internationalen Tagung in Paris auf eine weltweite Gültigkeit besitzende Norm gebracht und im Jahre 1949 sanktionierte die UNESCO die Monopolstellung der Braille-Schrift.

Angesichts der Spärlichkeit der Quellen erweist es sich als nicht leicht, den Charakter von Louis Braille zu dokumentieren. Sein Lehrkollege Coltat berichtet in einer von ihm im Jahre 1853 herausgegebenen Biographie dass „er im Gespräch oft rasch von Fröhlichkeit zum Ernst wechselte und manchmal mit kleinen charmanten Pointen brillierte“, dass „was er einmal als notwendig erkannt hatte, er mit Energie und Willenskraft ausführte“ und dass für ihn „Freundschaft alles bedeutete“. Über seine pädagogischen Fähigkeiten und Prinzipien sagt Coltat aus, dass ihm ein ausgesprochener Sinn für Gerechtigkeit eigen war, dass er „seine Schüler in den seltensten Fällen bestrafte“ und dass er „seine Pflichten mit so viel Charme und Scharfsinn erfüllte, dass sich für seine Schüler die Aufgabe am Unterricht teilzunehmen, in ein wirkliches Vergnügen verwandelte“.

Bezeichnend für die ihm innewohnende Großzügigkeit dürfte auch die unter anderem in seinem Testament enthaltene Klausel sein: „Alle Summen, die von mir … verliehen worden sind, sollen nicht mehr zurückzufordern sein“.

In unserem Lande waren es die Schwestern der Heiligen Elisabeth, welche auf dem Gebiet der Braille-Schrift bemerkenswerte Pionierarbeit geleistet haben. Diese Ordensschwestern wurden am 7.8.1906 durch großherzoglichen Beschluss mit der Unterrichtung und der Erziehung der jungen Blinden beauftragt. Der Vollzug dieser Aufgabe geschah in dem in Berburg gelegenen und der Ordensgemeinschaft auch heute noch gehörenden Schloss.

Naturgemäß bedingte der regierungsseitig erteilte Auftrag eine fachliche Ausbildung der dort tätigen Schwestern. Diese wurden dann auch laufend ins angrenzende Ausland abgestellt, zwecks Erwerbs der notwendigen Kenntnisse auf dem ihnen zugewiesenen Arbeitsgebiet, wozu in erster Linie auch das Erlernen und Lehren der Braille-Schrift zählte. In mühseliger und aufopferungsvoller Kleinarbeit schrieben Hausgeistliche, Schulschwestern und andere qualifizierte Helfer die gesetzlich vorgeschriebenen Lehrbücher in Braille-Schrift um, welcher Umstand dann auch die Basis schuf für eine den gleichaltrigen Sehenden ebenbürtige Schulbildung.

Ein entscheidender Einschnitt in der Geschichte des Blindenunterrichts in unserem Lande vollzog sich im Jahre 1973, als durch Gesetz die Grundlagen geschaffen wurden zwecks Schaffung einer staatlichen Blindenschule, unter der amtlichen Bezeichnung „Institut pour Deficients Visuels“.
Diese in die Zuständigkeit des Unterrichtsministeriums fallende und somit unter staatlicher Leitung und Aufsicht stehende Lehranstalt übernahm die bisherige Aufgabenstellung des Berburger Blindeninstituts. Sämtliche blinden und sehbehinderten Kinder, sowie zusätzlich auch Späterblindete, werden dort von staatlich geschultem Personal in den üblichen Schulfächern und auch in berufsbildender Materie unterrichtet.
Es versteht sich von selbst, dass in diesem Unterfangen nach wie vor die Punktschrift von Louis Braille eine primordiale Rolle spielt. Ein tief greifender Unterschied zu früher besteht jedoch darin, dass die moderne Technik vor allem auf elektrischem Gebiet ein Hilfs-Instrumentarium geschaffen hat, welches – ohne die Grundlinien der Braille-Schrift aus dem Auge zu verlieren – eine zügigere und weiterreichende Unterrichtung und Ausbildung erlaubt.
Auch in der Praxis des täglichen Lebens hat die darauf spezialisierte Forschung in den letzten Jahren und Jahrzehnten Gegenstände und Apparate mit Braille-Bedienungszeichen versehen und auf den Markt gebracht …

Abschließend muss eingestanden werden, dass vorstehende Zeilen nur ein unkomplettes und unzulängliches Portrait des Menschen Louis Braille und seines unvergänglichen Werkes abgegeben haben. Doch soll dieser Vorbehalt keinen Blinden oder Blindenfreund davon abhalten, weder heute noch morgen, dem Namen LOUIS BRAILLE ein ehrendes, dankbares und bleibendes Andenken zu bewahren.

Leon Ihry
1982