Folgen von Sehbehinderung und Blindheit

Angesichts der Tatsache, dass die überwältigende Mehrzahl der Sinneseindrücke über die Augen wahrgenommen werden, ist es verständlich, dass es der betroffenen Person je nach Art und Ausmaß der Sehbehinderung erschwert bis ganz unmöglich wird, ihre einzelnen Bedürfnisse zufrieden stellend zu erfüllen.

Allzu oft sind gerade beim älteren Menschen wegen bestehender Begleiterkrankungen und Nachlassen der psychischen Widerstandsfähigkeit die Voraussetzungen für zusätzliche Probleme mit den Augen ungünstig! Die Folgen von schwerer Sehbehinderung oder Blindheit sind vielseitig. Sie treten einzeln oder aber oft zusammen auf und betreffen alle Facetten des menschlichen Lebens, sowohl in den körperlichen wie auch in den psychisch-sozialen Bereichen.

Im körperlichen Bereich betreffen die Folgen an erster Stelle die Sicherheit!
Die Gefahr, dass der Sehbehinderte oder Blinde sich verletzt, ist gegeben, und dessen Angst davor ist berechtigt.

Die vertraute Wohnung, in der die älteren Menschen ohnehin den größten Teil der Zeit verbringen, ist nicht immer der sichere Hort wie man glauben könnte. Sie birgt eine Fülle von Gegenständen, welche den Sehbehinderten oder Blinden zumindest verunsichern, weil er sie entweder gar nicht, oder zu undeutlich und zu spät erkennt :

  • Architekturelemente wie z.B. Treppen, Mansardierungen, vorstehende Fensterbrüstungen,
  • Halboffene Zimmer- oder Schranktüren
  • achtlos in den Weg gestellte Sitzmöbel, wie Stühle, Sessel, Hocker …
  • gelegentlich abgestellte Gegenstände, wie Besen, Putzeimer, Kisten, Spielzeug…
  • Teppiche
  • elektrische Haushaltsapparate

Die unmittelbare sowie die weitere Umgebung der Wohnung in welcher sehende Leute sich unbekümmert bewegen, sind für Sehbehinderte und Blinde ein oft unmöglich zu bewältigender Hindernisparcours. Hier müssen sie sich zahlreichen Herausforderungen stellen, selbst dann noch, wenn sie den Weg zu einem bestimmten Ort kennen:

  • Überquerung von Straßen und Kreuzungen
  • auf dem Bürgersteig abgestellte Fahrräder, Mülltonnen
  • unachtsame Passanten
  • falsch parkende Autos
  • ungünstig aufgestellte Straßenschilder
  • ungenügend abgesicherte Baustellen

Nicht zu unterschätzen ist des Weiteren eine Störung des Schlafs, denn häufig ist eine Verschiebung der Schlafphasen und Verdösen des Tages anzutreffen, besonders wenn ein Beschäftigungsmangel besteht. Vor allem bei voll erblindeten Personen kann wegen fehlenden Hell-Dunkel-Reizes eine Verschiebung des Tag- Nacht- Rhythmus mit nächtlicher Schlafstörung auftreten.

Alltägliche Arbeiten wie Körperpflege, Instandhaltung der Kleidung und Sauberkeit der Umgebung werden dann zum Problem, wenn das Auffinden von Wasch- und Pflegeutensilien, sowie deren Benutzen erschwert oder unmöglich wird. Außerdem wird die Kontrolle ob am Körper, an der Kleidung oder in der Wohnung alles in Ordnung ist, immer unsicherer. Mangelhafte Körperhygiene, Verarmung der Kleidung und Verwahrlosung der Wohnung sind bei allein lebenden Personen nicht selten die Folge.

Die an sich einfachen und selbstverständlichen Aktivitäten der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme können bei vielen stark Sehbehinderten und Vollblinden oft nicht ohne fremde Hilfe getätigt werden. Erschwerte Nahrungsbeschaffung und -zubereitung sind oft die Ursache, wenn Sehbehinderte und Blinde sich unausgewogen und einseitig ernähren. Nicht-Finden der Bestecke und Tassen oder Gläser, sowie häufiges Kleckern beim Servieren und Essen und Trinken sind dem Betroffenen unangenehm. Unsicherheit und Angst beim Essen aufzufallen sind dann oft Grund genug, dass Restaurantbesuche vermieden werden.

Auswirkungen auf die Intimsphäre sind nicht zu umgehen, denn oft gibt das nicht-Finden der öffentlichen Toiletten Anlass dazu, dass der Betroffene in die peinliche Lage kommt, dass jemand ihn dorthin begleiten muss, oder dass er den Toilettenbesuch gar ganz verdrängt. Durch das Nichterkennen von farblichen Veränderungen oder Anomalien an den Körperausscheidungen ist es möglich, dass Hinweise auf eventuelle Krankheiten nicht frühzeitig festgestellt werden können.

Im psychischen und sozialen Bereich ist mit Störungen der Befindlichkeit und des menschlichen Zusammenlebens zu rechnen

Eine in höherem Alter aufgetretene schwere Sehbehinderung ist immer mit einem Verlusterlebnis verbunden. Nicht jeder kann unbeschwert über seine Gefühle sprechen; des Weiteren ist es nicht immer mehr möglich die gefühlsgesteuerte Körpersprache der Gesprächspartner zu erkennen. Je älter der Betroffene ist, wenn die Behinderung auftritt, desto schwieriger wird es oft für ihn die psychischen Belastungen zu verarbeiten. Häufig sind Selbstwertverlust, Frustration oder Depression und Rückzug die Folge.

Die soziale Funktion des Lesens und Schreibens als Kommunikationsmittel wird mit zunehmender Sehbehinderung schwieriger. Ab einem gewissen Grad der Behinderung ist das Lesen mit den Augen nicht mehr möglich und diese Form der Kommunikation geht verloren.

Wegen der Folgen im körperlichen Bereich ist eine Einschränkung der Selbständigkeit fast ausnahmslos festzustellen.

Andererseits bekommen Blinde und Sehbehinderte oft gut gemeinte, aber nicht immer benötigte Hilfe. Diese verstärkt ihre Unselbständigkeit noch zusätzlich, weil eine zu schnelle Hilfe ihnen alles aus dem Weg räumt.

Auf dem Gebiet der Mobilität ist der Betroffene auf fremde Hilfe angewiesen, vor allem wenn er sich an ihm fremde Orte begeben will. Durch fehlende optische Anhaltspunkte ist es schwierig den Weg zu einem Ziel allein zu finden.

Es besteht die Möglichkeit, dass ihm nichts Anderes übrig bleibt als seinen Mobilitätsradius zu verkleinern, was schließlich dazu führen kann, dass er resigniert und bald die Wohnung (fast) nicht mehr verlässt.

Infolge des Verlusts an Selbständigkeit und Mobilität sind die Teilnahme an gesellschaftlichen Ereignissen oder bloß die unterhaltende Beschäftigung des Einzelnen erheblich eingeschränkt. Eine sinnvolle Tätigkeit welche die geistigen und sozialen Bedürfnisse der Person erfüllt, wird erschwert. Langeweile und soziale Isolation können daraus erfolgen.

Wegen der Beeinträchtigung aller Bereiche und Aktivitäten des täglichen Lebens bedeuten Sehbehinderung und Erblindung für jeden betroffenen Menschen also einen tiefen Eingriff in sein Leben.

Einschränkung der Selbständigkeit und Verlust an Lebensqualität sind eine permanente Belastung für ihn weil sie sein gesamtes physisch/materielles wie auch psychisch/soziales Wesen betreffen.

Nicht die Schwere der medizinischen Problematik ist ausschlaggebend dafür, inwiefern der Betroffene dadurch in seinem Alltag eingeschränkt ist, sondern der Grad wie er gelernt hat, mit seiner Behinderung zu leben, und welche Hilfen ihm zuteil werden.