Familie Ad. Winandy-Scheibe

Wie bereits berichtet kam das Anwesen des früheren Notars Michel Clement durch den Kaufakt in der Notarstube von J. P. Bosseler in Arlon in den Besitz der Familie Adolf Winandy-Scheibe. Letzterer, seines Zeichens Kaufmann und Landwirt, geboren am 25.01.1877 in Rollinger Grund ging am 12.07.1912 in Hamburg die Heirat ein mit Hertha Scheibe, geboren am 30.04.1889, Tochter eines wohlhabenden Geschäftsmanns und Verlagsbesitzer in Hamburg.

Nach ihrer Heirat nahm Frau Hertha Winandy die luxemburgische Nationalität durch Option an. Das Ehepaar benutzte die Liegenschaft in Berschbach anfangs nur als Feriensitz, errichtete aber in den 20er Jahren hier einen landwirtschaftlichen Betrieb, welcher Herr Ad. Winandy aber etwa nach „preussisch-junkerlicher Art“ führte. Frau Hertha Winandy, welche nach der Heirat ihr Medizinstudium abbrach, brachte vier Söhne ans Licht der Welt: Adolf (13.04.1913), das Zwillingspaar Kurt Reinhart und Ernst (01.07.1914) sowie Günther (19.04.1921), allesamt in Hamburg geboren. Der Erstgeborene Adolf, von Beruf Doktor der Philosophie fiel an der Ostfront als deutscher Soldat am 06.12.1942 (nahe Litwinow).

Kurt Reinhard, gelernter Kaufmann, litt unter starken epileptischen Anfällen. Er ist der älteren Generation besonders gut in Erinnerung, stets begleitet von seiner getreuen Pflegerin Charlotte Horn, die zugleich die Funktion einer „Gesellschafterin“ bei Frau Hertha Winandy ausübte.

Anlässlich einer Geschäftsreise am 14.05.1965 im Auto, mit seiner Sekretärin Charlotte Schommer am Steuer, verunglückte Kurt Reinhard (liebevolle „Reini“ bei seinen Verwandten und Freunden genannt) in Herford (Hannover) tödlich. „Reinis“ Zwillingsbruder Ernst, ebenfalls körperlich behindert, war bereits am 28.01.1932 in Hamburg gestorben. Der Jüngste, Günther, ohne Beruf, starb am 22.09.1945 in Rollingen.

Alle vier Söhne waren luxemburgischer Nationalität, katholischen Glaubens, und ledig. Mit Ausnahme von Adolf, dem Erstgeborenen, waren sie körperlich behindert. Ein Schicksal, das die gute Frau Winandy mit bewundernswerter Charakterfestigkeit ertrug. Fast taub und nahezu erblindet, jedoch bei geistiger Frische, starb die leidgeprüfte, anspruchslose Philanthropin in Hamburg am 21.10.1980. Ihren Ehemann, Adolf, hatte der Tod bereits am 16.09.1955 in Berschbach heimgesucht. Um sie trauerte vor allem ihre langjährige Vertraute Charlotte Horn (1991) sowie ihre Schwester Idalisa Bene geborene Scheibe.

Frau Hertha, die abwechselnd in Hamburg und Berschbach wohnte, hatte der Luxemburger Blindenvereinigung im Jahre 1968 das „Weiße Schlösschen“ nebst einem Bering von etwa 5,5 ha durch einen Schenkungsakt übergeben.

Schlusswort

Es ist wahr, mit der gütigen Hilfe von Frau Hertha Winandy-Scheibe, konnte in Berschbach ein großes Werk gelingen, das besonders zum Wohl unserer blinden Mitmenschen diente. Sie war zeitlebens ein leidgeprüfter Mensch, der sich aber nicht von Schicksalsschlägen niederbeugen ließ. Sie wusste als hoch intelligente Frau, dass nur ein starkes Herz das Schicksal zwingen kann. Und es ist sicher kein Zufall, dass sie einen Grossteil ihres Vermögens den Blinden nach ihrem Tod vererbte. Denn auch diese Menschen wurden, viele sogar seit ihrer Geburt, vom Schicksal hart „geklopft“ und müssen ihr Los mit Würde tragen, denn es ist fast wichtiger, wie der Mensch sein Schicksal nimmt, als wie es ist.

Frau Hertha Winandy-Scheibe war eine bescheidene Person, edel von Charakter, ein sozusagen reservierter Mensch, der das Maß des Gewöhnlichen und Alltäglichen um ein gutes Stück überragte, vor allem, aber mitfühlend für die vom Schicksal hart geprüften Mitmenschen.

Mit ihrer stillen Freundlichkeit und Güte ist sie uns allen lieb gewesen und so wird man sie in dankbarer Erinnerung behalten und uns unwillkürlich auch an ein Gedicht (betitelt: Gebet) von Eduard Mörike (1804-1875) denken lassen:

Herr! Schicke, was du willst,
ein Liebes oder Leides;
ich bin vergnügt, dass beides
aus deinen Händen quillt.


Wollest mit Freuden
und wollest mit Leiden
mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
liegt holdes Bescheiden.

Roger HILBERT
Mersch
(2005)

Hertha Winandy …
… ein Name wird weiterleben

Als im Jahre 1968 Madame Winandy der Blindenvereinigung ihr „weißes Schlösschen“ schenkte, hatte sie damit den Grundstein gelegt, dass auch nach ihr das Leben in ihrem Haus weitergehen sollte.

Es war ihr gegönnt, die erste Vergrößerung des Heimes noch zu erleben, und in ihrer Überzeugung bekräftigt zu werden, dass die Blinden ihr großzügiges Geschenk nicht nur dankend angenommen, sondern auch in ihrem Sinne weitergeführt haben.

Damals hatten weder sie, noch die Blinden selbst sich vorstellen können, welches Ausmaß ihr damals begonnenes Werk in den folgenden Jahren bekommen sollte.

Auch wenn Madame Winandy in der Zwischenzeit nicht mehr unter uns weilt, so wird ihr Name dennoch weiterleben:

Auf Initiative der Blindenvereinigung hin, wird hinter dem Blindenheim eine Residenz mit 33 behindertengerecht eingerichteten Eigentumswohnungen für ältere Personen gebaut.

Das Gebäude, dessen Grundsteinlegung am 20. Juli 2004 erfolgte, (auf dem Bild in einer Computer-Montage dargestellt), wird den Namen „Résidence Pour Personnes Âgées Hertha Winandy“ tragen. Es wird unsere großzügige Stifterin nicht nur bei den Blinden und Sehbehinderten, sondern auch bei der Merscher Bevölkerung gebührend würdigen, und die Erinnerung an sie wach halten!