Die Geschichte von Jos Goeders

Jos Goeders befand sich nach einem unverschuldeten Unfall in Lebensgefahr und erblindete. Heute ist er Telefonist im neuropsychiatrischen Klinikum Ettelbrück „Auf spiegelglatter Straße kam es gestern am späten Abend auf der Strecke Feulen-Heiderscheid zu einem schweren Verkehrsunfall der einen Leicht- und einen Schwerverletzten forderte. Ein aus Richtung Heiderscheid kommender Wagen geriet bei einem Ausweichmanöver auf die Gegenfahrbahn und prallte frontal mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen. Hierbei zog sich der Fahrer aus dem zweitgenannten Fahrzeug schwere Schnittverletzungen im Kopfbereich zu.“

So oder so ähnlich könnte vor fast genau 30 Jahren eine Nachricht über einen Verkehrsunfall gelautet haben, wie er alle Tage vorkommt. Fatal waren die Folgen für den heute 57-jährigen Telefonisten Jos Goeders, als er am 12. April 1973 unverschuldet im oben geschilderten Unfall sein Augenlicht verlor.

So oder so ähnlich könnte vor fast genau 30 Jahren eine Nachricht über einen Verkehrsunfall gelautet haben, wie er alle Tage vorkommt. Fatal waren die Folgen für den heute 57-jährigen Telefonisten Jos Goeders, als er am 12. April 1973 unverschuldet im oben geschilderten Unfall sein Augenlicht verlor.

Not-OP und Komplikationen

Nach seiner Einlieferung ins Ettelbrücker Krankenhaus wurde Jos Goeders in einer ersten Diagnose von den Ärzten mitgeteilt, dass sein Augenlicht gefährdet sei. Die Notoperationen brachten nicht den gewünschten Erfolg. Das rechte Auge musste nach acht Tagen Klinikaufenthalt entfernt werden. Man hoffte nun, wenigstens das linke Auge retten zu können.

Und tatsächlich, nach zwei Monaten des geduldigen Ausharrens in völliger Dunkelheit, weiterer Operationen und intensiver Behandlung hatte sich das linke Auge regeneriert und die Sehkraft war zum großen Teil wieder hergestellt. Die Freude war groß und die Hoffnung auf vollständige Genesung noch größer – währte dennoch nur kurz. Denn nur drei Tage später stellten sich unerwartete Komplikationen ein: Eine Entzündung hatte das Auge befallen und gefährdete das Augenlicht erneut.

Zwischen Hoffen und Bangen

„Es waren Momente voller Zuversicht und niederschmetternder Verzweiflung“, erinnert sich Jos Goeders, der weitere Wochen medizinischer Intensivbehandlung und auch unsagbare Schmerzen ertragen musste. Am schlimmsten seien die unerträgliche Angst und Ungewissheit gewesen. Nach insgesamt drei Monaten Klinikaufenthalt in Ettelbrück war klar, dass die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten der Ärzte endgültig ausgeschöpft waren. Es ging längst nicht mehr nur darum, das Augenlicht von Jos Goeders zu retten, denn mittlerweile hatte sich die Entzündung im ganzen Körper ausgebreitet und lebensbedrohliche Ausmaße angenommen. Eine allerletzte Überlebenschance für ihren Patienten sahen die Ettelbrücker Ärzte nur mehr in einer Überweisung in die Universitätsklinik von Nancy (F). Im Schockzustand und körperlich völlig geschwächt wurde der Schwerkranke schließlich in die Uni-Klinik überliefert, wo ihm die Fachärzte nach eingehenden Untersuchungen die Diagnose der heimischen Ärzte nur mehr bestätigen konnten: blind auf Lebenszeit! Jos Goeders war moralisch auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt.

Der Verstand hatte es wohl begriffen, nur die Psyche richtete eine Blockade gegen das definitive Urteil, das seinen Mut, seine Kraft und seinen Überlebenswillen aber auch seine Familie und sein persönliches Umfeld vor eine enorme Herausforderung stellen sollte. Doch er wäre nicht Jos Goeders, hätte er schnell klein beigegeben. Nach einem weiteren Monat medizinischer Intensivbehandlung hatten ihn die Ärzte der Uni-Klinik körperlich und organisch wieder so weit aufgepäppelt, dass er nach Hause entlassen werden konnte. Alles in allem hatte Jos Goeders vier Monate in den Krankenhäusern verbracht.

Nun begann das eigentliche Abenteuer, das Leben danach. Wieder zu Hause auf dem elterlichen Hof in Mecher, musste er sein Leben von Grund auf neu organisieren. Plötzlich hieß es, die einfachsten Handgriffe und die scheinbar selbstverständlichsten Dinge im Alltag neu zu erlernen. Erst jetzt sollte sich herausstellen, was ein Leben in der abgeschiedenen Dunkelheit tatsächlich bedeutet.

Schritt für Schritt musste er lernen, im Alltag zurechtzukommen und sich auf seine Wahrnehmungssinne zu verlassen. Er lernte mit den Ohren zu „sehen“, sich durch den Tast- und Geruchssinn zu orientieren und sich mit Gefühl und Instinkt in seinem Umfeld zurechtzufinden. Eine große Hilfe waren ihm dabei seine Eltern, und vor allem seine Mutter, die ihn in den folgenden Wochen und Monaten pflegte und ihm Tag und Nacht zur Seite stand. Aber auch seine Schwester und deren Ehemann, Christine und Robert Kneip-Goeders aus Insenborn, sowie sein Bruder Albert Goeders aus Hobscheid unterstützten ihn nach Kräften. Er hatte dennoch einen schweren Kampf gegen sich selbst zu fechten, und es sollte gut ein Jahr dauern, bis er sich auch innerlich mit seinem Schicksal abfinden konnte. Das Schwierigste war dabei die permanente Dunkelheit.

Neun Monate nach seiner Entlassung schmiedete Jos Goeders bereits wieder Zukunftspläne. Er nahm Verbindung mit der Blindenvereinigung auf, erlernte die Blindenschrift und ließ sich bei einer blinden Kollegin in der Kinderklinik in Luxemburg-Stadt zum Telefonisten umschulen. Der Lehrgang dauerte vier Monate.

Neue Lebensaufgabe

Am 1. Oktober 1974 trat er, wiederum mit der Unterstützung der Blindenvereinigung, einen Stage-Platz im „Centre Hospitalier Neuropsychiatrique“ (CHNP) in Ettelbrück an, der jedoch als Provisorium und als Vorbereitung auf eine feste Einstellung in der Wiltzer Klinik vorgesehen war. Zu dieser Einstellung ist es jedoch nie gekommen. Sie wurde immer wieder hinausgezögert, sodass sich die Leitung des CHNP am 1. Mai 1976 dazu entschloss, Jos Goeders einen festen Arbeitsvertrag als Telefonist anzubieten.

So wurde aus dem Provisorium eine neue Lebensaufgabe, die Jos Goeders bis heute nicht missen möchte. Seinen Arbeitsplatz teilt er sich mittlerweile mit einer ebenfalls erblindeten Kollegin.

Für das gute Arbeitsverhältnis und die zuvorkommende Hilfsbereitschaft spricht Jos Goeders sowohl der Klinikleitung als auch seinen Arbeitskollegen und seinem privaten Freundeskreis ein großes Lob aus. Während das gewohnte Umfeld ihm keine weiteren Probleme bereitet, lässt er sich auf ungewohntem Terrain dennoch lieber von ortskundigen Menschen begleiten. Das Leben hat ihm schon manchmal hart zugesetzt und manch negative Überraschung beschert. Doch verbittert oder gar zerbrochen ist er nie daran. Im Gegenteil: seine lebensbejahende Einstellung hat er nie verloren und auch sein Schicksal hat er auf bewundernswerte Art und Weise gemeistert.