Blannen Theis – Musikant

Kaum umstritten wird wohl die Tatsache sein, dass unsere nationale Geschichtsschreibung sich, unter monographischem Aspekt gesehen, vornehmlich und kontinuierlich mit dem Leben und Schaffen von der Oberschicht des Volkes angehörenden Persönlichkeiten befasst hat. Allerdings muss zugestanden werden, dass eine solche Einstellung auch in anderen Ländern in mehr oder weniger ausgeprägter Form zu beobachten ist.

Die Motive für diese Arbeitsweise dürften einerseits auf die günstigere Quellenlage zurückzuführen sein und andrerseits auf die logische Folgerung, dass die fraglichen Persönlichkeiten über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinaus in oft entscheidender Weise die Formung und die Entwicklung unserer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Szenerie gestaltet oder mitgestaltet haben.

Die hier vorliegende Druckschrift der Luxemburger Blindenvereinigung dürfte den geeigneten Rahmen bilden, um, unter kontrastbildendem Akzent, eines Mannes zu gedenken, welcher kaum einzureihen ist in die Galerie unserer im historischen Rampenlicht stehenden Ahnen. Es handelt sich um den von manchen Sagen und Legenden umwobenen „Blannen Theis“.

Den Aelteren von unseren heutigen Mitbürgern wird wohl in schattenhafter Erinnerung der Tatbestand erhalten geblieben sein, dass in der Vorkriegszeit anlässlich von Tanzveranstaltungen, sei es in privatem Kreise oder auf lokaler Ebene, in Einzelfällen der aufspielende Musikant erblindet oder zumindest stark sehbehindert war. Es wäre vielleicht von Interesse, Überlegungen anzustellen, ob diese musikalische Tätigkeit und Fähigkeit spezifischen biologischen oder physiologischen Faktoren zuzuschreiben ist oder ob sie primär existenziellen Zwängen und Nöten entspringt. Andrerseits dürfte diese Fragestellung – unter Ausklammerung der rein paramedizinischen Komponente – heutzutage von untergeordneter Bedeutung sein, da Betreuung und Versorgung unserer blinden Mitbürger dank der staatlichen Sozialgesetzgebung und dank der eindrucksvoll wirkenden Blindenselbsthilfe gesichert sind.

Über die Person und das Leben des „Blannen Theis“ ist im wesentlichen Folgendes zu berichten:

Er erblickte – wenn dieser euphemistische Ausdruck erlaubt sein darf, denn allem Anschein nach war er von Geburt an blind – im Jahre 1747 zu Grevenmacher das Licht der Welt. Sein in den kommunalen Archiven belegter Name lautete MATHIAS SCHOU, woraus sich, in Anlehnung an den Vornamen MATHIAS und in volkstümlicher Abwandlung desselben, späterhin die Kurzform „THEIS“ ergab. In einer weiteren Etappe und infolge seines körperlichen Handikaps ging unsere Bezugsperson dann endgültig unter der Bezeichnung „BLANNEN THEIS“ in den Volksmund und in die Geschichte ein. Eigentümlicherweise wurde unserem MATHIAS SCHOU alias „BLANNEN THEIS“ in späteren Abhandlungen der Taufname MATHIAS GELHAUSEN zuerkannt. Eine verbindliche Erklärung für dieses Kuriosum ist nicht aufzutreiben. Immerhin soll ein solcher Namensträger, wenn auch zu einem etwas späteren Datum, in Grevenmacher gelebt haben und als blinder Musikant durch die Lande gezogen sein. Es dürfte daher möglicherweise nicht verfehlt sein, anzunehmen, dass das im Volk verwurzelte assoziative Denken die beiden Gestalten zu einer einzigen verschmolzen hat.

Der „Blanne Theis“ starb, da seine stark angegriffene Gesundheit ihm das Musizieren in seinen letzten Lebensjahren verwehrte, recht mittellos. Sein beurkundeter Todestag ist der 18. Oktober 1824 und sein Sterbeort: Luxemburg-Eich. Zu diesem Zeitpunkt waren seine Eltern seit 28 Jahren verstorben. Seine ihn überlebende zweite Ehefrau – der Name der ersten im Jahre 1814 verstorbenen Gattin ist nicht bekannt – hieß gemäß offizieller Sterbeurkunde Barbara Kremer.

Dass unsere Themafigur mithin zwar eine von legendärem Beiwerk umwobene Gestalt war, aber andrerseits keine im hergebrachten Sinne des Wortes ins Reich der Legende zu verweisende Person darstellte, dürfte aus obigen Angaben ziemlich zweifelsfrei hervorgehen. Was seine Entwicklung zum fahrenden Spielmann und Sänger betrifft, so ist dieselbe weitgehend schleierhaft und sind wir in dieser Hinsicht in großem Masse auf Spekulationen angewiesen.

Mit gewisser Wahrscheinlichkeit kann angenommen werden, dass er die von ihm vorgetragenen Weisen und Lieder, im Rückgriff auf bereits zu dieser Zeit im deutschen und französischen Sprachraum bekannte Melodien, in einer der luxemburgischen Mundart angepassten Form in sein Repertoire aufgenommen hat. Daraus ist zu schließen, dass, im Gegensatz zu der in der mündlichen Überlieferung vertretenen Annahme, dem „Blanne Theis“ ein eigenständisches und kreatives Schaffen abzusprechen ist.

Er war seinem Erscheinungsbild gemäß ein Original. Darauf deutet schon ein im Staatlichen Museum in Luxemburg verwahrtes Portrait hin. Dieses Bild, dessen Urheber und Entstehungsjahr unbekannt sind, zeigt uns einen Mann von eher schmächtiger Statur und von hageren Gesichtszügen, auf dem Kopf trägt er einen übergroßen Dreispitz und in seinen sehnigen Händen hält er eine, mit vier Saiten, bespannte Geige und den dazugehörigen Bogen. Sein Äußeres war außerdem geprägt von dem Tragen von Kittel, Kniehose und Schnallenschuhen, sowie von dem mittels Schnur und Schulter gehaltenen Hängesack, in welchen er außer seinen Geigenutensilien die ihm gewährten Gaben verfrachtete.

In dieser theatralischen Kostümierung wird er wohl präsent gewesen sein bei einer Vielzahl von offiziellen und privaten Festen der näheren und weiteren Umgebung seines Heimatortes und es scheint daher nicht ausgeschlossen zu sein, dass diese Tourneen, bei denen er in der Regel von seiner Ehefrau und seinem Hund begleitet war, ihn wochenlang von seinem Zuhause fernhielten.

Wie bereits oben hervorgehoben, stützten sich die von ihm vorgetragenen Lieder und Melodien auf bereits bestehende und bekannte Vorlagen. Etwaige davon geringfügig abweichende Texte dürften auf Improvisation und lückenhafte mündliche Überlieferung zurückzuführen sein.

Dieser etwas negative Aspekt seines Wirkens soll und darf jedoch das Gesamturteil über ihn nicht übermäßig trüben, da seine meist von Ironie, Wehmut und Sentimentalität durchtränkten Lieder bis in unsere Gegenwart hinein einen nicht abzuleugnenden positiven Einfluss auf unser nationales Volksliedergut ausgeübt haben.

Dass dieses Verdienst sich auch bei unseren staatlichen Stellen reflektierte, beweist die im Jahre 1974 seitens unseres Postministeriums erfolgte Herausgabe einer Gedenkbriefmarke mit dem Konterfei des im Staatsmuseum verwahrten Gemäldes des „Blannen Theis“.

Mit dem Wunsche, dass die Erinnerung an unseren nationalen Barden in unserer übermäßig von Technik und Materialismus beherrschten Zeit in angemessener Weise erhalten bleibt, möchte ich diesen bescheidenen Beitrag abschließen. Sicherlich darin enthaltene Unzulänglichkeiten möge der geschätzte Leser entschuldigen.

L.l. 1981